Kommunikation im Kindergarten Teil I

In einem meiner letzten Beiträge habe ich Anmerkungen zur Kommunikation in der „Vereinigung der Waldorfkindergärten“ gemacht. Wie schaut es aber mit der Kommunikation im Alltag eines Kindergartens aus.

Ich möchte zu diesem Thema in Ausschnitten einige Fragen, Erkenntnisse und Erfahrungen aus meiner Berufspraxis als Kindergärtner zusammenstellen und würde mich sehr freuen, wenn KollegInnen Ähnliches, Korrekturen oder Ergänzungen dazustellen würden. Auch dafür ist das Kommentarfeld am Ende des Beitrags bestens geeignet. Vielleicht ergibt sich dann im Gesammten etwas Hilfreiches für alle, die in dieser Sache Anregungen suchen.

Die Kommunikation wird vom Empfänger bestimmt

So lautet ein Kernsatz der Kommunikationswissenschaft. Ich habe mich immer gefragt, was dieser Satz für mein Handeln im Kindergarten bedeuten könnte, was ich im Alltag dazu beachten muss und wie ich meinen Umgang mit den Menschen in und um den Kindergarten gestalten muss, damit die Beziehungen und die Gesprächskultur stimmen. Am Beispiel der Kommunikation zwischen Erziehern und Eltern will ich möglichst praxisnah einiges zusammentragen:

Der oben zitierte Kernsatz meint natürlich, dass es vom Empfänger abhängt, wie die Nachricht verstanden wird. Zunächst musste ich aber die Erfahrung machen, dass Vieles im Kindergarten nicht zustande kam, weil „Empfänger“ die „Nachricht“ schlichtweg überhaupt nicht wahrgenommen haben. Dies insbesondere, wenn Eltern vom Team schriftlich per Aushang, Email oder verteilte Zettel auf den Kindergarderoben aufgefordert wurden irgendetwas zu beachten, zu befolgen oder vielleicht einer Bitte zu entsprechen.

Auch KollegInnen aus anderen Kindergärten berichteten Ähnliches und tun dies bis heute. Und dann war die Wäsche nicht gewaschen, die Blumen nicht gegossen und kein Kuchen da, um nur einige der banalsten Beispiele zu nennen. Kinder wurden an Tagen gebracht, an denen die Einrichtung außerhalb der Regel geschlossen war, oder erschienen zu spät zum Ausflug, als alle anderen schon unterwegs waren. Und das Team war verärgert und frustriert oder fühlte sich gestresst und in seiner Arbeit nicht wertgeschätzt.

Was können wir erwarten

In unseren Beratungen mit Eltern und Erziehern zu diesem Thema kamen wir zu dem Schluss, dass wir als Institution einfach überholte Traditionen übernommen und falsche Erwartungen gehegt hatten. Was ich im Folgenden zusammenfassend, gerafft und sicherlich idealtypisch darstelle, war natürlich Ergebnis eines langen Prozesses mit einigen impulsgebenden Fortbildungen und Coachings zwischendurch. Auf jeden Fall wurde uns im Verlauf dieses Prozesses klar, daß

  • unabgesprochene Erwartungen nicht erfüllt werden.
  • „Bringschuld“ ein Begriff aus der Juristerei ist und im zwischenmenschlichen Leben nichts zu suchen hat.
  • wir auf keinen Fall eine Gemeinschaft wollen, die auf Elternseite nur von den bekannten 3 Bs: Bezahlen, Basteln, Backen geprägt ist.
  • Unser Kindergarten eine Gemeinschaft von Gleichberechtigten werden soll, in dem kein Elternteil das Gefühl haben muß, irgendetwas widerwillig und widerspruchslos hinnehmen zu müssen („Kröten schlucken“), wenn es sein Kind in einer Waldorfinstitution untergebracht haben möchte.

Es reifte die Erkenntnis, dass nichts vorausgesetzt werden durfte und alles einer gründlichen Verabredung bedarf. Ja in gewisser Weise muss jede bestehende Verabredung neu befestigt werden, wann immer ein neues Mitglied, egal ob Eltern oder KollegInnen, zur Gemeinschaft dazustößt. Im Laufe der Zeit bildete sich eine Struktur heraus, in der Sorge getragen wurde, dass jede Bitte oder Information, sei es aus dem Team oder der Elternschaft heraus, auch bei den Adressaten ankommt und diese (über)genug Gelegenheit bekamen, Einverständnis zu bekunden oder offen Stellung zu beziehen.

Je mehr beispielsweise eine Nachricht an die Eltern die Bitte enthielt, etwa in irgendeiner Weise mitzuhelfen, um so sorgfältiger haben wir im Team dieses Prinzip verfolgt. Und wir versuchten, deutlich zu machen, daß es sich immer um eine Bitte handelt, der zu entsprechen auch guten Gewissens abgelehnt werden durfte und eben nicht um eine Anordnung. Gegebenenfalls mußten wir uns dann im Team etwas Neues einfallen lassen, was aber so gut wie nie vorkam.

Informationstechniken im Kindergarten

Rein sozial-technisch gesehen haben wir folgende Regeln anzuwenden versucht:

  • Jede Information, jede Bitte oder jede Organisationsregel sollte, wenn möglich, auf Elternabenden vorgestellt werden. Dies umso mehr, wenn sie den Alltag der Eltern betreffen. Es muss dabei genügend Raum geben für alle, ihre Bedürfnisse in der betreffenden Sache zu äußern und Änderungsvorschläge einzubringen. Offenheit muss bestehen, gemeinsame Lösungen zu entwickeln.
  • Für die nicht anwesenden Eltern sollte ein Protokoll verfasst werden und nachgefragt werden ob sie dieses auch gelesen haben , auf welchem Wege auch immer es ihnen zugänglich gemacht wurde. Auch diese Eltern sollten Gelegenheit haben, etwa in einem Tür- und Angelgespräch oder, wenn erforderlich, in einem ausführlichen Elterngespräch Stellung zu beziehen.
  • Für Kurzfristiges und Spontanes reicht eine Nachricht, beispielsweise per Aushang, Email oder WhatsApp oft nicht aus. Es hat sich als äußerst hilfreich erwiesen, einen Rücklauf zu erhalten, beispielsweise durch Listen oder noch besser durch ein nachfragendes Gespräch. Auch hier mussten wir lernen: Aushänge sind Mitteilungen und Vorschläge, keine Anordnungen.
  • Bei den obligatorischen Elterngesprächen sollte regelhaft nicht nur über Pädagogik und Kinder geredet werden, sondern eben auch die Kindergartenregeln und -strukturen angesprochen werden, sowie die Bedürfnisse der Eltern in diesen Fragen.

Im Laufe der Jahre konnten wir dann feststellen, dass die Kommunikation immer besser klappte und dass Mißverständnisse immer seltener wurden. Die gegenseitige Aufmerksamkeit wuchs. Es war zu spüren, daß die Eltern sich vermehrt in ihren Bedürfnissen akzeptiert fühlten und das Team sich in seiner Arbeit wertgeschätzt. Der Umgang wurde immer freier, die Athmosphäre entspannter.

Rückblickend waren wir sehr froh, uns auf einen solchen Weg gemacht zu haben, der natürlich nie zu Ende gegangen sein wird. War zu Beginn unser Bemühen vielleicht ein wenig zeitaufwändig. so legte sich dies zusehend, ja verkehrte sich unter dem Strich ins genaue Gegenteil. Zudem wurde jeder eventuelle Mehraufwand mehr als wettgemacht durch das stetig wachsende Zusammengehörigkeitsgefühl. Eltern und Team empfanden sich zunehmend als Gemeinschaft und Partner, immer weniger als Gegenüber.

Eine Fortsetzung dieses Beitrags zum Thema Kommunikation im Kindergarten folgt, dann zum „Vier Ohren Modell“ (Friedemann Schulz von Thun)

Georg Braunfels

1 Antwort zu “Kommunikation im Kindergarten Teil I”

  1. Kommunikation / Waldorfkindergarten

    Die gut angelegte und klar definierte Kommunikationskultur ist, meiner Meinung nach, „A und O“ in einem Waldorfkindergarten. Sorgfältig angelegte Begegnungskultur hat beschützende Wirkung. Gibt Sicherheit. Sie stellt letztendlich eine beschützende Anwendung „der Macht“.
    Die Eltern kommen in den Waldorfkindergraten aus dem freien Beschluss. Es ist wirklich eine freie Tat. Jeder Kindergraten hat viele „soziale Lebensformen“; Institution, sozialer Organismus, Gemeinschaftsleben und und.
    Zuerst bekommen es die Eltern mit den „Rechtsdokumenten“ zu tun: Kindergartenvertrag, Leitbild, Kindergartenregelung, Konzeption, Beitragsordnung. Für mich ist es trockene jedoch sehr klare, notwendige Materie.
    Dazu kommen gute Gewohnheiten, die jede Waldorfgemeinschaft pflegt. Die gut angelegte „Begegnungskultur“ im Alltag. Sie beinhaltet die seelische Komponente. Bei uns haben wir einen Katalog „A B C im Waldorfkindergarten“ erstellt, der gewissen roten Faden den Eltern für den Anfang gibt.
    Ich finde „die Zeitpflege“ (die Terminkultur) sehr wichtig; „meine“ Eltern bekommen jedes pädagogische neue Jahr alle Termine, bis zum Ende des Kindergartenjahres, auf den Weg. In der Selbstverwaltung bestimmen sie spätestens am ersten Elternabend die Gemeinschaftstermine (Basar, Großputztag, Vorschulkindausflug, Bastelgruppen und anderes) selbst. Dies erspart viele „Zeitfaktor – Probleme“. Schließlich ist der Waldorfkindergarten im Leben der Eltern nicht der einzige Lebensinhalt.

    Ich bleibe gerne mit den Eltern „im Gespräch“. Jede Woche gibt es bei uns eine fest installierte pädagogische Sprechstunde. Bitte, kommen Sie, wenn sie Fragen hätten. Sie wird unterschiedlich genutzt. Manche Eltern melden sich nett an, andere kommen spontan. Beides ist okay. Die Hauptsache ist: es muss ein Prozess in Gang kommen, eine Entwicklung, die dazu führt, dass die Eltern neben dem Schönen, das sie bei den Kindern pädagogisch merken, sich auch durch das Wissen mit der Waldorfpädagogik verbinden.

    Eine Institution hat immer leicht veränderte Handlungsweise. Institutionelle Begegnungsformen eben. Ich scheue nicht, mich mancher Kommunikationsformate zu bedienen, wie GfK oder NLP, um nur mache zu benennen. Es schadet nicht und verhindert auch nicht „das Interesse an dem Anderen zu entwickeln“. Meine Zusatzausbildungen halfen mir dabei. Und Volksschulseminare. Von nichts kommt nichts.

    Ich habe es erlebt, das wir (besonders in den Waldorfkollegien) es gewohnt sind, wo wir in den Sitzungen tagen, den Inhalt für das Wichtigste zu halten. Jeder hat viel gelesen, redet seine Inhalte so fort. Der Konzert kann den ganzen Tag so gehen. Nur dass es letztendlich geht es um das Tun, um die Durchführung. Und mir helfen die oben erwähnte Kommunikationsmodule vorwärts zu kommen. Aussortieren. Konsens zu finden.

    Nun dann also: liebe Grüsse
    Aleksa.

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