Vorstandswahl bei Waldorfs

Was wird veröffentlicht, was verschwiegen?

Jahrelang, während meiner Zeit als aktiver Waldorf-Kindergärtner, habe ich mich nicht groß um die Mitteilungen, Protokolle und Arbeitsberichte aus den Gremien der Vereinigung der Waldorfkindergärten gekümmert. Meine Aufgaben lagen ja woanders, bei den Kindern, Eltern und Kollegen, und da gab es immer mehr als genug zu tun. Gelegentlich habe ich durch die in der frischen Post liegenden entsprechenden Papiere geschaut, aber sie dann gleich abgeheftet. Zu deutlich wurde schon beim flüchtigen Durchlesen, daß alles dort Berichtete ganz außerhalb meiner momentanen Arbeitswelt war und daß ich viel zu wenig in der Materie drinnen war. Aufgabenteilung halt, die in der Vereinigung werden es schon richtig machen, so dachte ich. Wir sind ja die Guten.

Den allermeisten Kolleginnen und Kollegen in der Arbeit mit den Kindern geht es ganz ähnlich, da bin ich mir sicher. Aber jetzt, in Rente, habe ich Zeit, mein Blickfeld zu erweitern und interessiere mich vermehrt für die Vorgänge in der Vereinigung. Jetzt lese ich die frischen Mitteilungen von dort aufmerksamer, wacher und dadurch auch kritischer. Aber auch nach mehrmaligem Durchlesen fühle ich mich nicht informiert. Und dann merke ich an der Art, wie diese Papiere geschrieben sind, wie die Inhalte verpackt sind, daß es gar nicht die Funktion der Protokolle etc. ist, mich oder andere in ähnlicher Lage zu informieren.

Nein, diese Berichte deuten auf etwas anderes: Sie werden in die Welt gesetzt, zuerst um einer rechtlichen Form genüge zu leisten – Versammlungsprotokolle sind nun einmal ein Vereinsrechtliches Muß. Dann um Transparenz zumindest formal zu dokumentieren. Drittens muß oft irgendetwas rechtswirksam und auch gerichtsfest formuliert werden. Da steht dann alles breit im Juristischen und wird meistens nicht ins Deutsche übersetzt, Weiterhin merkt man an den vielen Jargon-haften Kürzeln, daß es auch um Gedächtnisstützen für die Versammlungsteilnehmer und Insider geht, um eine interne Protokollfunktion. Und zumindest gelegentlich soll sogar etwas verborgen und eben nicht mitgeteilt werden. Dann gibt es z.B nicht einmal mehr ein Verlaufsprotokoll , sondern nur ein Beschlussprotokoll mit z.T. wenig informativen Formulierungen. Nein, Lust zu lesen bekommt man da nicht.

Desinformierende oder einladende Information

Unter allem scheint ein Subtext zu liegen, der folgendermaßen lautet: „Mischt euch nicht ein, wir machen es schon richtig. Laßt uns in Ruhe werkeln, wir sind ja die Guten!“ Könnte man diese Art formale oder sogar desinformierende Information nennen? Ich kenne dies auch aus meinem Kindergarten , weiß von da her aber auch, wie segensreich es für die Gemeinschaft ist, wenn eine Kommunikation gelingt, welche Interesse weckt, die alle einbeziehen will und an ihrem Ort abholt. Die eine verständliche Sprache findet, welche alle Beteiligten einbezieht und zur Teilnahme einlädt.

Die ganze Palette dieser rein formalen Information wurde vor und nach der letzten Delegiertenversammlung der Vereinigung im Dezember 2018 weit ausgebreitet. Wer die Mitteilungen aufmerksam verfolgt hat, erinnert sich mit mir:

Da wird wenige Tage vor der Delegiertenversammlung ein Link zugmailt, dem (umständlich) folgend u. a. einige wichtige, teils sich widersprechende Unterlagen zur Vorstandswahl eingesehen werden können:

  • Der erste Bericht der Findungskommission (mein Lieblingsgremium), in der zwei neue Vorstandsmitglieder anstelle von Dagmar Scharfenberg und Beate Wohlgemut vorgeschlagen werden
  • Eine Stellungnahme aus Berlin, in der Besetzung, Arbeitsweise und Ergebnis der Findungskommission in Frage gestellt wird. Außerdem Anträge, die bei der anstehenden Wahl ein völlig neues, nicht satzungsgemäßes Verfahren vorschlagen.
  • Ein erneuter Bericht der Findungskommission mit einem Minderheitenvotum, in dem zwei Mitglieder derselben jetzt nicht mehr mit Arbeit und Ergebnis der Findungskommission einverstanden sind.
  • einem Schreiben des Geschäftsführers Oliver Langscheid, in dem mitgeteilt wird, daß laut Satzung nur Personen gewählt werden können, welche von der Findungskommission vorgeschlagen worden sind.

Hat man diese Unterlagen aufmerksam, staunend, mit ahnendem Verstehen studiert, so kann man aus dem reinen Beschlussprotokoll nach der Delegiertenversammlung mit Vorstandswahl ungefähr zusammentragen, was nun nach dieser Versammlung Sache ist:

  • Dagmar Scharfenberg und Beate Wohlgemuht sind erneut im Vorstand, obwohl nicht von einer Findungskommision vorgeschlagen.
  • Michael Wetenkamp ist nicht mehr Vorstand, obwohl die Amtsperiode noch nicht beendet ist.
  • Zwei neue Vorstandsmitglieder sind auch da, eines war ursprünglich vorgeschlagen, das andere nicht.

Es muß hoch hergegangen sein auf der Delegiertenversammlung, darum gibt es wohl auch nur dies trockene Beschlussprotokoll. Zwar ist da gewählte Verfahren mit Sicherheit nicht gerichtsfest, aber dennoch bin ich auf der einen Seite begeistert, wie auf Initiative des Berliner Seminars (s.o.) der gordische Knoten ganz klassisch ohne jede Rücksicht auf knöcherne Vorschriften der Satzung zerschlagen wurde. Auf der anderen Seite bleiben mir jede Menge Fragen, zum Beispiel:

  • Wer wollte da wen in den Vorstand hieven?
  • Wer kann da nicht mit wem?
  • Wofür stehen die handelnden Personen? Haben sie Visionen?
  • Wofür stehen die neuen Vorstandsmitglieder
  • Was ist falsch an der Verfassung (Satzung) der Vereinigung?
  • Wird sich etwas ändern?
  • Warum um Himmels Willen interessiere ich mich noch für diesen Verein?
  • Warum sind wir da noch Mitglied?

Den beiden Vorstandsmitgliedern, die ich persönlich kenne, hatte ich dann geschrieben und sie gebeten doch noch genauer von allen diesen Ereignissen zu berichten. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten. Aber es kam im Januar dann die Mitteilungen aus der Vorstandsitzung an die Mitglieder (Brief 119). Als Nachgang zu den Ereignissen darin nur die lapidare (letzte) Mitteilung Nr. 12: „Der Vorstand hat eine tragfähige Lösung zum Ausscheiden von Michael Wetenkamp gefunden und umgesetzt.“ Auch da bleiben noch viele Fragen, u.a.:

  • Für welches Problem wurde hier eine Lösung gefunden?
  • Was kostet es?

Ich für meinen Teil wünsche mich jetzt manchmal in die Zeit zurück, als ich alle diese Protokolle, Mitteilungen und Arbeitsberichte zu lesen noch nicht die Muße fand.

2 Antworten zu “Vorstandswahl bei Waldorfs”

  1. Lieber Georg Braunfels,
    wegen Ihren Bemühungen um mehr Transparenz, Offenheit, Problem-Freudigkeit u.a.m. habe ich mich nun doch entschlossen zu einem kurzen Kommentar zu Ihrem obigen Beitrag.
    Wie wenig von genau diesen (hier eben genannten) Qualitäten vorhanden sind, wird ja in Ihrem Beitrag deutlich.
    Was im Nachklang des ganzen Geschehens um dieses Vertretertreffen in Berlin bei mir (als Nicht-Teilnehmer und mich im Nachhinein aufwendig um wirkliche Informationen um das Geschehen erst bemühen müssend) am stärkstenund auch weiter bis heute noch vorhanden ist, das ist dieses: da gibt es Vertreterinnen der einzelnen Regionen, die vor Ort bei den Treffen nicht nur ihre Zeit und Kraft investieren, sondern auch wirklich ihr Bestmögliches zu geben bemüht sind. Und dennoch ist das Ganze zumindest phasenweise deutlich schwierig oder auch krisenreich und nie nur glatt und einfach.
    Wie die vorhandenen Strukturen in der Vereinigung durchsichtiger und verstehbarer gemacht werden können, so dass evtl. auch Ideen für bessere Formen als die vorhandenen entstehen könnten, das ist mir wesentliche Frage im Nachhinein. Viel lieber würde ich an einer Tagung teilnehmen, die sich mit solchen Fragen beschäftigt, als an einer Pfingsttagung bzw. Erziehertagung ohne dass da Themen der internen Problemlagen zur Sprache kämen. Ergäbe sich – neben anderem – auch solches Tagungsthema, dann würde ich alles dran setzen, dort teilzunehmen. Ohne das jedoch nicht. Denn ich lerne da, wo Begeisterung und Vertrauen leben und immer weiter wachsen dürfen, indem sie sich Probleme lösend betätigen dürfen! Wie jedes Kind. Alles andere ist für mich nur mehr einschläfernd oder sogar krankmachend statt aufweckend. Aber aneinander füreinander aufzuwachen und tätig zu werden, ist mein Fokus. Nicht das umgekehrte. Davon haben wir meines Erachtens schon deutlich zu viel.
    Mit besten Grüßen.

  2. Sehr angenehm zu lesen. Es weckt Interesse… 😉
    Vielleicht hilft es ja sogar, tatsächlich etwass Licht ins Dunkel zu bringen. Man darf gespannt sein wie es weitergeht. Und wenn auch das Wie und Warum nicht gelöst werden wird, so mögen es zumindest fruchtbare Ergebnisse sein.

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