Wer vertritt die Waldorf- Kindergärten?

von Georg Braunfels

Im November 2018, bevor ich diesen Blog eröffnet habe, sendete ich als Rundmail eine Stellungnahme mit dem Titel „Zum Problem der Delegierten in der Vereinigung“ an die Waldorfkindergärten, die ich hier noch einmal abdrucke. Inzwischen ist einiges in dieser Sache weiter bewegt worden und eine Ergänzung scheint mir notwendig. Es geht letzlich um die Frage, mit welcher Ernsthaftigkeit eine Vereinssatzung auch als eine Art Verfassung betrachtet werden muss.

Wer den damaligen Text nicht noch einmal lesen will, kann gleich beim Abschnitt „Wie ging es weiter“ anfangen

Auf der Vertreterversammlung der Vereinigung der Waldorfkindergärten im März 2018 wurde darauf hingewiesen, daß einige der Delegierten keine Funktion mehr in einer Mitgliedseinrichtung haben und somit ihr Mandat keine Satzungs-konforme Basis mehr hat.

In der Folge, so weist das Protokoll der Versammlung aus, wurden verschiedene Gedanken und Vorschläge eingebracht. Darunter sehr grundsätzliche und arbeitsintensive, wie zum Beispiel der, daß „die Frage nach der Wahl der Vertreter noch einmal ganz geöffnet“ werden soll oder daß ein einheitlicher Fragebogen an alle Mitgliedsorganisationen verschickt werden soll.

Während diese und andere Debattenbeiträge deutlich darauf hinwiesen, daß die Repräsentation der Mitgliedseinrichtungen der inneren Struktur nach in der Vereinigung mangelhaft ist, kann bei dem am Ende gefassten Beschluss eher der Eindruck entstehen, daß es jetzt nur darum geht, die rechtliche Unanfechtbarkeit der in der Delegiertenversammlung gefassten Beschlüsse zu gewährleisten. Denn beschlossen wurde, daß in den Regionen ein „Meinungsbild“ erstellt werden soll, ob in den Mitgliedseinrichtungen es als weiterhin notwendig angesehen wird, daß die Delegierten für die Vertreterversammlungen eine Funktion in einer dieser Einrichtungen haben müssen oder nicht.

Ganz abgesehen davon, daß mit einem solchen „Meinungsbild“ ein viel zu schwammiges Verfahren gewählt wurde, um eine sichere rechtliche Fundierung des offenen Problems zu begründen, wird damit auch eine vertiefte Beschäftigungen mit den Organisationsstrukturen der Vereinigung vermieden, welche dieses Problem erst entstehen ließen.

Je nachdem nämlich, zu welcher Seite das Meinungsbild tendiert, gibt es nur die Möglichkeit, daß die Gremien in den Regionen angehalten werden, nur noch Delegierte zu entsenden, welche eine Funktion in einer Mitgliedseinrichtung innehaben. Das aber fordert die Satzung sowieso schon und die Erfüllung dieser Forderung stellt ja gerade das Problem dar.

Oder aber es steht der Weg offen, eine wachsende Funktionärsschicht auf einer weiteren Ebene auch satzungsmäßig zu fundieren und somit die Repräsentation der Mitgliedseinrichtungen noch weiter zu schwächen.

In beiden Fällen bleibt die Frage ausgeklammert, warum es eigentlich in vielen Regionen so schwer fällt, Delegierte zu finden. An diese Frage ließen sich beliebig viele andere anschließen, beispielsweise ob die halbjährlich stattfindenden Regionaltagungen mit gemessen an der Mitgliederzahl geringen Beteiligung noch die richtige Form ist, eine Willensbildung quer durch die Einrichtungen und Gremien zu begünstigen.

Zugegeben, ich kenne nur die Strukturen und Gegebenheiten in Nordrhein-Westfalen aus eigener Anschauung, nehme aber an, daß es zumindest in einigen anderen Regionen nicht viel anders ausschaut. Auf jeden Fall würde ich mich sehr freuen, mehr darüber zu erfahren.

Wie ging es weiter

In Nordrhein-Westfahlen wurden dann die Kindergärten per Post gebeten, ihre Stellungnahme zu der genannten Frage abzugeben. Die Rückläufe waren äußerst spärlich. Zudem sind in einigen der untergegliederten Teilregionen Versammlungen zu dem Thema veranstaltet worden, in einigen nicht. In meiner Unterregion Niederrhein war das Votum eindeutig gegen eine Änderung. Außerdem lud die Geschäftsführung zu einem abschließenden Treffen für ganz Nordrheinwestfalen ein.

Dort stellten die Verantwortlichen (Rat der Region) für NRW als Ergebnis vor, das Stimmungsbild sei insgesammt 50/50 ausgefallen, ohne dies im einzelnen darzustellen oder aufzuschlüsseln. Bei diesem Ergebnis sah sich der Rat der Region berechtigt, insgesammt ein Votum für eine Änderung der Satzung in dem Sinne zu stimmen, daß in Zukunft die Vertreter bei der Gesammtvereinigung nicht mehr eine Funktion in einer Einrichtung haben müssen.

Auf dringende Gegenrede der Teilnehmer aus den Einrichtungen hin ließ sich der Rat der Region bewegen, diese Votum abzumildern, ohne näher zu spezifizieren, was das bedeutet.

Es bleibt, wie es ist – es bleibt nicht, wie es ist

Lange nach der Vertreterversammlung kam ein Beschlussprotokoll. Darin war zu lesen: „Die Vertreterversammlung beauftragt die Geschäftsführerkonferenz, die Satzungsänderung auf Grund des Stimmungsbildes aus den Regionen zur Regelung der stimmberechtigten Vertreter bis zur Vertreterversammlung im März vorzubereiten und vorzulegen.“ Soweit, so uninformativ. Mir viel auf, daß der Begriff „Meinungsbild“ jetzt durch das noch schwammigere „Stimmungsbild“ ersetzt wurde.

Dann, noch viel später, das Verlaufsprotokoll. Darin: „Das Stimmungsbild wurde aus den einzelnen Regionen gesammelt und zusammengefasst. Es zeigt sich der Wunsch, dass alles bleibt wie bisher. Eine Anbindung an die Einrichtungen ist erwünscht, Ausnahmen sollten aber möglich sein. Ein Vertreterprinzip wird gewünscht, die Benennung soll durch die Regionen erfolgen. Bei Betrachten des Gesamtbildes gibt es keine deutliche Richtung, was allerdings deutlich wird, es soll nicht bleiben wie bisher. Morgen soll eine Delegation gebildet werden, welche eine Satzungsänderung ausarbeitet und vorschlägt. Dieser Arbeitsauftrag wird an die Geschäftsführer weiter gegeben.“

Alles klar? Auf jeden Fall scheint das gewünschte Ergebnis (Änderung) den Funktionären einigermaßen vertretbar geworden zu sein. Mich bewegt die ganze Zeit, ob jemand ähnliche Fragen wie ich zu der ganzen Debatte hat:

  • Muß eine Satzung nicht als eine Art Verfassung angesehen werden, in der die Autoren gute Sachüberlegungen und Grundeinstellungen haben einfließen lassen? Und nicht wie eine Geschäftsordnung, die man der flüssigen Arbeitsweise wegen schnell ändert?
  • Ist es nicht ein hohe Gut, daß nur die Mitglieder vermittels ihrer Versammlung (Vertreterversammlung) die letzte Entscheidung in der Vereinigung haben? Darf das verwässert werden?
  • Wäre nicht eine umfassende Befragung aller Mitglieder in Achtung vor den hohen Rechten derselben die unbedingte Voraussetzung, um sich überhaupt Gedanken zu irgendwelchen Änderungen der Satzung in einer solchen zentralen Frage machen zu können? Mitsamt einer echten Debatte.
  • Oder spielen noch andere Fragen eine Rolle, die ich nicht sehen kann?

Heute ist der 1. März 2019. Die Vertreterversammlung hat begonnen. Ich bin gespannt wie es weitergeht.

4 Antworten zu “Wer vertritt die Waldorf- Kindergärten?”

  1. Hallo zusammen
    Georg: danke für die Blog Idee! Die ruhige Art macht was aus, wie du die Informationen zusammen führst.

    Ich bin Waldorferzieherin. Die Basis.
    Nach vier Jahren in dem Waldorfkindergarten, landete ich woanders. Ich arbeite in einem Elternverein und darf nach der Waldorfpädagogik arbeiten. Waldorfpädagogik lässt sich nicht einsperren. Als Kulturgut ist sie in die Welt gesetzt werden, und wirkt.
    Warum der Waldorfkindergarten nicht mehr meine Arbeitsstätte ist? Für mich ganz einfach: wir waren ein sechsköpfiges Kollegium. Zwei Kolleginnen taten sich besonderes hervor. Also es folgte Supervision (externe, gute Fachleute wurden ins Haus geholt). Nach zwei Jahren hatte ich die Nasse voll: Sitzung folgte auf Sitzung. Wow! Nach dem Motto: wer bezwingt wen? Viel Geld wurde ausgegeben und es dauerte fort…
    Menschlich passte es nicht (du, Alexa: Selbsthilfegruppe wäre noch gut. Für mein Empfinden war es eine Therapie, was da abgelaufen ist. Die Zwei hatten es mega für sich genutzt, wir Dumpfbacken weniger). Ganz simpel.
    Der Überbau ist bei uns Waldorfs SO GROSS, dass sich manche gar nicht als Mensch auf der Erde zu Recht finden.
    Die Verwalter von Waldorfs: sie wirken auf mich irgendwie bieder und spröde, immer gute Laune, keine Stellungnahme, „jein“. Sorry, ich will hier nicht ablästern und so. Womöglich sind solche Persönlichkeiten für den Job die besten?! Es steigt besonders heftig in uns empor, wenn uns gesagt wird, was wir tun müssen. Und die Verwalter müssen es aushalten!
    Auf jeden Fall: es menschelt gewaltig. Es wird geschmutzelt und gemauschelt. Alle Jahre wieder.

    Und trotzdem: Waldorfpädagogik ist die beste der Welt!
    Rohna B.

  2. Hallo
    eigentlich: Guten Abend!
    Mir ist wichtig anzumerken: personifizierte Verwaltungsvertreter sind gerade nicht meine persönlich bevorzugten Begegnungsgenossen. Ich weiß, jemand muss es machen.
    Meine Fortbildungen waren auch immer gut. Und unsere Fachberater: in meiner Region hatten wir wirklich fähige Menschen in diesem Bereich gehabt; nun sind sie leider weg. Sie haben eine eigene freie „Beratungsplattform“ gegründet. Ich fand es sehr schade. Ein großer Verlust an Wissen, Erfahrung und biographischem Charisma. Da gab es bei uns im Rahmen der Führungskräfteentwicklung eine Neufindung. Die gemeinsame karmische Balance konnte bei uns nicht erarbeitet werden.

    Liebe Grüße
    Aleksa.

    GA 282 / S.28-29
    …wie immer die Dinge liegen, wenn in der richtigen Art innerhalb der anthroposophischen Bewegung gearbeitet wird : man nimmt dasjenige, was Karma fordert, auf, und gibt so viel, als gerade die Gelegenheit dazu da ist. Das ist in der anthroposophischen Bewegung nicht anderes möglich. In der anthroposophischen Bewegung hat man nicht die Tendenz, Reformgedanken zu haben, man hat nicht die Tendenz , eine Idee in die Welt zu setzen, sondern man hat das Karma vor sich.
    Rudolf Steiner

    Diesen Gedanken mag ich sehr. Für mich konkret und klar formuliert. Es ist mir immer eine Hilfe, wenn Vermittlungsformate scheitern, Veränderungen anzunehmen. Obwohl es sicher manchmal schlichtweg weh tut.

  3. Lieber Herr Braunfels,
    DANKE für klares (in der schwammigen Info – Haltung – Lage) Wortbild von Ihnen.
    Ich bin seit vielen Jahren im pädagogischen Bereich für die Waldorfbewegung tätig.
    Mein jetziger Standort (seit 10 Jahren) ist Baden Württemberg.
    „Waldorfverwaltungskreise“ , o ja, die haben es in sich. Kompliziert. Für mich ergaben sie und ergeben weiterhin ein Bild der Selbsthilfegruppen. Es ist auf den ersten Blick nicht zu sehen, nach und nach fallen einem dann köstliche Verhaltensattitüden auf.
    Seit den guten 4 Jahren gehe ich zu keinem Regionalkreis hin. Bloß weg von den Waldorf – Verwaltungsfunktionären, die netterweise von Mitgliedsbeiträgen der Waldorfeinrichtungen leben. Das ist gewiss mein persönliches Manko, dass ich das „Gruppenseelenhaftes“ nicht gut vertrage.
    Sie sind in diesem Blog sehr mutig, dass Sie hinterfragen und versuchen „freie“, eigene Gedankenführung zu gestalten. Ich danke Ihnen auch für die Zusammenstellung der Informationen. Und, wie es mir scheint, ohne intern geführten Waldorfzensur.
    Herzliche Grüße
    sendet
    Alexa

    1. Ich weiß nicht in welcher Teilregion von Baden -Württemberg sich Aleksandra Muszer arbeitet. Ich will nur feststellen, dass meine Teilregion Baden-Nord seit 30 Jahren beste Fortbildungsveranstaltungen dreimal Jährlich organisiert, mit 50 bis 80 TeilnehmerInnen.
      Wir wählen dort auch unsere Vertreter, die unsre Wünsche weiter tragen.
      Was die deutsche Vertreversammlung angeht, so kann ich nur hoffen, dass die Rückkehr in die Anfangszeiten von Herrn Flinsbach ausgeschlossen bleibt. Da wurde in Hannover der deutsche Haushalt in der Weise verabschiedet, dass das ganze Auditorium aufgefordert wurde dem Haushalt zuzustimmen – rechtlich unhaltbar! Wer ist berechtigt mit welchem Mandat?

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